Branchenevent

Die Touristik braucht Nachwuchs – und der Nachwuchs Veränderung

23. Oktober 2026Branchenevent · Young Career Community · Young Talents · Ausbildung · Nachwuchsprogramm · Veranstalter

Die Reisewirtschaft sucht händeringend Nachwuchs. Doch was erwarten junge Menschen eigentlich von der Branche? Bei der Red Carpet Night von Anex in Didim diskutieren Nachwuchskräfte mit erfahrenen Reisebüroinhabern über Ausbildung, Arbeitsbedingungen und KI. Es geht um Vertrauen, Verantwortung, flexible Arbeitszeiten und die Frage, ob die Branche selbst bereit für Veränderungen ist.

Über die Zukunft der Touristik wird auf Branchentreffen viel gesprochen. Doch wie oft kommen eigentlich diejenigen zu Wort, die diese Zukunft einmal gestalten sollen? Bei der Red Carpet Night von Anex im türkischen Didim gehört jungen Touristikern fast eine Stunde lang die Bühne. Direkt nach der Keynote im Gastgeberhotel Anda Barut Collection diskutieren sie mit erfahrenen Reisebüroinhabern über Fachkräftegewinnung, Ausbildung, Arbeitsbedingungen und künstliche Intelligenz. Dabei wird deutlich: Wer junge Menschen für die Touristik gewinnen und langfristig halten will, muss ihnen mehr bieten als einen Ausbildungsplatz.

Wenige Tage zuvor hatte sich bereits der DRV-Hauptstadtkongress in Berlin mit der Zukunft des Branchennachwuchses beschäftigt. Dort bildete das Thema den Abschluss des anderthalbtägigen Programms. Bei Anex steht der Generationendialog nun unmittelbar nach dem Auftritt von CEO Yasir Karaçor auf der Agenda. Zwei unterschiedliche Veranstaltungsformate, die zeigen, dass die Perspektiven junger Touristiker in der Branche zunehmend Aufmerksamkeit erhalten.

Junge Touristiker diskutieren mit Branchenprofis

Unter dem Titel „Next Gen – Junge Köpfe, Zukunft Tourismus“ ging es vor allem um die Erwartungen der nächsten Generation an ihre Arbeitgeber und die Zukunft des Berufs. Die sechs Nachwuchskräfte hatten sich zuvor mit Bewerbungsvideos für die Panel-Teilnahme qualifiziert. Moderiert wird das Gespräch von Katrin Rüter-Pantzke, Pressesprecherin der Anex Gruppe.

Dabei blieb es nicht beim reinen Austausch: Zum Abschluss kündigt Rüter-Pantzke an, dass die Düsseldorfer Veranstaltergruppe nach längerer Pause wieder selbst ausbilden will. 

Weniger Azubis, mehr Sorgen

Die Nachwuchssorgen der Branche lassen sich zunächst ganz trocken an Zahlen ablesen: Nach Angaben des DRV wurden 2025 bundesweit 957 neue Ausbildungsverträge für Tourismuskaufleute abgeschlossen, 6,4 Prozent weniger als im Vorjahr. 2019 sind es noch 1.615. Das entspricht einem Rückgang von rund 40 Prozent. Zudem breche etwa ein Drittel der Auszubildenden die Ausbildung ab, so Rüter-Pantzke.

Reisebüroinhaber Hakan Sancarbarlaz und Peter Marx (von links) diskutieren gemeinsam mit Fachredakteurin Clara Petri von Touristik Aktuell bei der Anex Red Carpet Night in Didim über Nachwuchsgewinnung und Ausbildung. Foto: Felix Hormel


Als einen Grund für den Rückgang nennt die Moderatorin die Insolvenzen großer Ausbildungsbetriebe wie Thomas Cook und FTI. Warum sich insgesamt weniger junge Menschen für eine touristische Ausbildung entscheiden, bleibt vorerst offen.

Nachwuchsgewinnung gelingt nicht überall gleich gut

Wie unterschiedlich die Nachwuchssuche verläuft, zeigen die Erfahrungen der Reisebüroinhaber. Hakan Sancarbarlaz berichtet, sein Unternehmen habe keine größeren Schwierigkeiten, Auszubildende zu finden. Diese würden von Beginn an in Teamsitzungen eingebunden, empfählen den Betrieb weiter und würden nach Möglichkeit übernommen.

Peter Marx von der KMC Reiselounge erlebt die Situation anders. Der Touristiker kennt die Branche aus unterschiedlichen Perspektiven: Er hat Reisebüros aufgebaut, für einen Veranstalter gearbeitet und ist heute selbst Inhaber mehrerer Reisebüros. Geeignete und motivierte Bewerber zu finden, werde zunehmend schwieriger, berichtet er. Auch Ausbildungsabbrüche habe er bereits erlebt. Bei manchen Nachwuchskräften fehle es an der Bereitschaft, sich auf die Anforderungen des Berufs einzulassen.

Wer halten will, muss Verantwortung abgeben

Die Erwartungen der Nachwuchskräfte sind dabei keineswegs unrealistisch. Sie wünschen Vertrauen, ein gutes Arbeitsklima und Aufgaben, bei denen sie tatsächlich etwas lernen. Vor allem aber wollen sie ernst genommen werden – wollen, „dass mir etwas zugetraut wird“, bringt es Elise Schroth von der Reiseland-Agentur Apolda auf den Punkt. Ein vertrauensvoller Umgang auf Augenhöhe sei wichtig. Auch schulische Probleme müssten sich im Betrieb offen ansprechen lassen.

Kevin Schorin, Elise Schroth und Sude Naz Aktas (von links) sprechen bei der Anex Red Carpet Night über ihre Erwartungen an die Touristik. Schroth fordert vor allem mehr Vertrauen und Verantwortung für Auszubildende. Foto: Felix Hormel


Dass dafür auch die Arbeitgeber etwas verändern müssen, räumt Sancarbarlaz ein. Nach rund 30 Jahren im Geschäft würde er heute deutlich früher Verantwortung abgeben, statt möglichst viele Aufgaben selbst zu erledigen. Auszubildende, so seine Einsicht, sollten mitdenken, eigene Ideen entwickeln und Entscheidungen mittragen dürfen. Nur so könnten sie erkennen, welche Perspektiven ihnen der Beruf auch nach dem Abschluss bietet. Marx setzt zudem auf einen möglichst frühen Einstieg in den Verkaufsalltag. Der direkte Kundenkontakt solle Auszubildenden zeigen, wofür sie lernen und welchen Beitrag sie zum Unternehmen leisten können. 

Flexible Arbeitszeiten statt starrer Abläufe

Wie weit der Veränderungsbedarf insgesamt reicht, zeigt die Diskussion über Arbeitszeiten. Kevin Shorin vom Reise-Center-Berlin nennt eine ausgewogene Work-Life-Balance als wichtigen Faktor für seine Generation. Für Agenturen mit festen Öffnungszeiten, Walk-ins und persönlichem Kundenverkehr ist das nicht immer einfach umzusetzen, weiß Shorin, dessen Eltern seit mehr als 20 Jahren ein Reisebüro führen.

Flexible Arbeitsmodelle müssten jedoch nicht zwangsläufig zulasten der Betriebe gehen. Sancarbarlaz berichtet von einem Mitarbeiter, der später beginnen und dafür länger arbeiten wollte. Er habe diesen Wunsch ermöglicht. Der Vorteil für das Unternehmen liege unter anderem darin, auch am Abend länger für Kunden erreichbar zu sein. Dahinter steckt ein Perspektivwechsel. Statt jungen Beschäftigten die gewohnten Arbeitsweisen der vergangenen Jahrzehnte vorzugeben, sollten Arbeitgeber stärker berücksichtigen, wie ihre Mitarbeiter arbeiten möchten.

Die Frage lautet deshalb nicht allein, wie anpassungsfähig der Nachwuchs ist. Auch die Unternehmen müssen bereit sein, eingespielte Abläufe zu hinterfragen.

Bei KI bringt der Nachwuchs eigene Ideen ein

Dass junge Beschäftigte Veränderungen selbst vorantreiben können, zeigt sich besonders beim Thema Künstliche Intelligenz. Während die Branche über Chancen und Risiken diskutiert, arbeiten einige der Nachwuchskräfte bereits mit entsprechenden Anwendungen. Lexx Janzen vom TSC Touristik Center in Rheine berichtet von einem KI-Projekt, mit dem Kundendaten ausgewertet und segmentiert und unterschiedliche Zielgruppen gezielter angesprochen werden können. Reiseangebote ließen sich in der Praxis dadurch stärker an den Interessen der Kunden ausrichten, schildert Jenzen. Auch bei der ersten Bearbeitung von Anfragen und im Marketing sieht er Potenzial in KI.

Kevin Shorin vom Reise-Center-Berlin setzt auf persönliche Reiseberatung und wünscht sich für seine Generation moderne Arbeitsbedingungen und mehr Flexibilität. Foto: Felix Hormel


Eine weitere Auszubildende, Sude Aktas vom Reisebüro Check and Fly in Heiligenhaus, nutzt KI für die regelmäßige Erstellung von Social-Media-Content. Die beworbenen Reiseangebote wählt sie selbst aus, bei der Aufbereitung hilft ihr die Technik. 

Wie selbstverständlich Betriebe digitale Fähigkeiten bei jungen Beschäftigten voraussetzen, zeigt die Erfahrung von Elise Schroth aus Apolda. Kaum im Reisebüro angekommen, hat sie auch schon ihr erstes eigenes Aufgabenfeld: Social Media. Als junge Kollegin bringe sie dafür die besten Voraussetzungen mit.

Darin steckt eine widersprüchliche Erwartung. Einerseits sollen junge Mitarbeiter neue Ideen liefern und die Digitalisierung voranbringen. Andererseits werden ihnen entsprechende Aufgaben mitunter allein aufgrund ihres Alters übertragen. Wer diese Fähigkeiten sinnvoll einsetzen will, muss sie deshalb gezielt fördern und mit touristischem Fachwissen verbinden.

Technik ersetzt keine Menschenkenntnis

Bei aller Offenheit für KI und neue Technologien halten die jungen Touristiker wenig von der Vorstellung, dass digitale Anwendungen das klassische Reisebüro überflüssig machen könnten. Sie sehen KI vielmehr als Werkzeug, das Routinearbeiten erleichtert und mehr Zeit für die persönliche Beratung schafft.

Elise Schroth nennt Empathie, Kreativität und Menschenkenntnis als Fähigkeiten, die sich nicht ohne Weiteres, wenigstens nicht endgültig, automatisieren lassen. Gerade bei komplexen Reisewünschen müsse man zwischen den Zeilen lesen können und ein Gespür für die Kunden entwickeln. Kevin Shorin, der das elterliche Büro einmal übernehmen soll, teilt diese Einschätzung. Wer besonderen Wert auf seine Reise lege, werde auch künftig persönliche Beratung bevorzugen.

Lexx Janzen (rechts) von der TSC Touristik Center GmbH beschäftigt sich mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz im Reisebüro und sieht darin neue Möglichkeiten für die Kundenansprache und Beratung. Foto: Felix Hormel


Auch die erfahrenen Reisebüroinhaber sehen darin die Stärke des stationären Vertriebs. Marx erwartet, dass sich Reisebüros mit hoher Beratungsqualität behaupten werden. Der vermeintliche Gegensatz zwischen Digitalisierung und persönlichem Service löst sich damit zumindest teilweise auf. KI kann Arbeitsabläufe vereinfachen. Die eigentliche Stärke des Reisebüros bleibt aus Sicht der Teilnehmer der menschliche Kontakt.

Ausbildungsordnung veraltet

Wie schnell sich die Anforderungen verändern, zeigt auch der Blick auf die Ausbildung. Die geltende Ausbildungsverordnung für Tourismuskaufleute für Privat- und Geschäftsreisen stammt aus dem Jahr 2011. Eine grundlegende Überarbeitung steht bislang aus. Anex-Sprecherin Rüter-Pantzke rechnet damit, dass eine Neufassung möglicherweise erst um das Jahr 2030 abgeschlossen sein könnte.

Die technische Entwicklung wartet jedoch nicht auf neue Ausbildungsordnungen. KI, digitale Kundenkommunikation und veränderte Arbeitsabläufe gehören bereits heute zum Alltag vieler Reiseunternehmen. Umso wichtiger sei es, dass Berufsschulen und Ausbildungsbetriebe neue Entwicklungen eigenständig aufgreifen.

Wie entscheidend dabei der Praxisbezug ist, zeigt der berufliche Weg von Elise Schroth. Sie beginnt zunächst ein duales Studium im Tourismusmanagement, ist jedoch vom geringen Anteil touristischer Inhalte enttäuscht. Pro Semester habe es lediglich rund 20 Stunden unmittelbaren Tourismusbezug gegeben, der Rest sei vor allem Betriebswirtschaftslehre gewesen. Schließlich wechselt sie von der Hochschule in die Reisebüroausbildung.

Auch die Außendarstellung des Berufs muss sich aus Sicht der Nachwuchskräfte verändern. Lexx Janzen fordert, jungen Menschen verständlicher zu vermitteln, welche Aufgaben sie in einem Reisebüro tatsächlich erwarten. Soziale Netzwerke und Workshops könnten dabei helfen.

Echte Perspektiven statt bloßer Versprechen

Dass die jungen Teilnehmer ihre berufliche Zukunft durchaus in der Touristik sehen, wird bei ihren persönlichen Plänen deutlich. Einige möchten nach dem Abschluss weitere Auslandserfahrungen sammeln, andere später selbst ausbilden oder mehr Verantwortung im Unternehmen übernehmen. Albina Hyseni von der Düsseldorfer Agentur T.I.G. Flugreisen kann sich vorstellen, nach ihrer Ausbildung im Unternehmen zu bleiben. Das gute Verhältnis zu ihren Kollegen spiele dabei eine wesentliche Rolle.

Für Albina Hyseni von T.I.G. Flugreisen ist ein gutes Arbeitsklima ein entscheidender Grund, ihrem Ausbildungsbetrieb auch nach dem Abschluss treu zu bleiben. Foto: Felix Hormel




Gerade solche Erfahrungen zeigen, dass Mitarbeiterbindung nicht allein eine Frage des Gehalts oder einzelner Zusatzleistungen ist. Auch Vertrauen, Entwicklungsmöglichkeiten und ein funktionierendes Team können den Ausschlag geben.

Damit führt die Diskussion zurück zu ihrem Ausgangspunkt. Eine Bühne für den Nachwuchs zu schaffen, ist ein wichtiges Signal und Anex anzurechnen. Entscheidend ist aber, welchen Einfluss junge Menschen tatsächlich im Berufsalltag erhalten.

Der Reisekonzern, der sein zehnjähriges Bestehen in Deutschland zu feiern hat, stellt mit dem angekündigten Wiedereinstieg in die Ausbildung einen konkreten Schritt in Aussicht. Für Reisebüros liefert die Diskussion in Didim weitere Ansatzpunkte: Auszubildende früh in Verkauf und Teamsitzungen einbinden, Verantwortung übertragen, Arbeitsmodelle hinterfragen und digitale Fähigkeiten gezielt fördern.

Der Fachkräftemangel lässt sich damit nicht auf einen Schlag beheben. Doch die Diskussion macht deutlich, dass Nachwuchsförderung weder bei der Bewerbersuche beginnt noch mit dem unterschriebenen Ausbildungsvertrag endet. Die Touristik muss junge Menschen nicht nur für sich begeistern. Sie muss ihnen auch Gründe geben, zu bleiben.

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