„Wann darf man eigentlich Berufseinsteiger*in sein?“
Soziale Netzwerke wie Linkedin dienen nicht nur zum Vernetzen und für Stellenausschreibungen, sondern hin und wieder auch mal dafür, in ehrlichen Worten seiner Branche den Spiegel vorzuhalten. Studienabsolventin Aliyah Hoyah hat das kürzlich getan, und schonungslos die Probleme bei der Jobsuche vieler junger Menschen in der Reisebranche angesprochen.

„Wofür studiert man eigentlich dual, wenn man nach dem Anschluss doch wieder bei null anfangen soll?“ Mit dieser Frage – gestellt in einem Post auf der beruflichen Social Media-Plattform Linkedin – hat Aliyah Hoyah, Absolventin eines Tourismusmanagement-Studiums aus der Nähe von Hamburg Ende vergangenen Monats ihrem Ärger über standardisierte Absagen, Praktikumsangebote und einigen anderen Problemen im Bewerber*innen-Alltag Luft gemacht. Ihr Wunsch an Recruiting-Abteilungen: Bewerber*innen auch mal Feedback geben, statt automatisierte Absagen zu verschicken.
Im Interview mit TRVL COUNTER-Mitarbeiterin Sandra Kathe geht es um die Dinge, die im Bewerbungsprozess für Berufseinsteiger*innen besonders frustrierend und enttäuschend sind, Angebote für unbezahlte Vollzeitpraktika nach dreieinhalb Jahren Praxis und darum, was im Recruiting aus Bewerber*innen-Sicht deutlich besser laufen könnte.
Aliyah, du hast neulich in einem längeren Linkedin-Post ein Problem angesprochen, vor dem gerade viele in deiner Position stehen – der Tatsache, dass viele Unternehmen eher zögerlich Berufseinsteiger*innen einstellen. Gab es einen konkreten Auslöser für den Post?
Der konkrete Auslöser war tatsächlich meine eigene Jobsuche. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt bereits fast hundert Bewerbungen geschrieben und auch schon einige Bewerbungsgespräche geführt – die haben letztendlich aber immer mit einer – oft standardisierten – Absage geendet. Bei einem großen Teil meiner Bewerbungen gab es noch nicht mal die als Rückmeldung. Da stellt man sich zwangsläufig immer wieder dieselben Fragen: Lag es an meiner Kompetenz oder einer fehlenden Erfahrung? War ein anderer Kandidat einfach besser geeignet? Oder gab es einen ganz anderen Grund?
Das klingt frustrierend…
Vor allem weil viele Junior-Stellen ja exakt zu Erfahrungen und Fähigkeiten passen, und trotzdem direkt die standardisierte Absage kommt. Natürlich kann ich damit umgehen, wenn ein Unternehmen am Ende sagt: „Wir haben uns für jemand anderen entschieden.” Aber wenn das immer wieder passiert und man nie erfährt, warum, ist es irgendwann schwer, daraus etwas mitzunehmen. Was stattdessen tatsächlich mehrfach kam: Ein Angebot für ein Praktikum. Teilweise für mehrere Monate und in Vollzeit.
Gerade nach einem Studium mit praktischem Anteil klingt das schon ein bisschen zynisch…
Ein Praktikum kann absolut sinnvoll sein, gerade während des Studiums oder wenn jemand in einen komplett neuen Bereich wechselt. Aber wenn ich 3,5 Jahre dual studiert und genau in der Branche bereits praktische Erfahrungen gesammelt habe, ist es für mich schwer nachvollziehbar, warum ich danach noch einmal ein halbes Jahr oder länger ein Vollzeitpraktikum machen soll, um mich für eine Einstiegsposition zu qualifizieren.
Das muss man sich ja auch erstmal leisten können…
Gerade wenn man nach dem Studium irgendwann finanziell auf eigenen Beinen stehen, ausziehen und sein eigenes Leben aufbauen will, ist das klar eine finanzielle Frage. Ich habe mich sogar schon das ein oder andere Mal gefragt, ob Realschulabschluss und Ausbildung zu einem einfacheren Berufseinstieg geführt hätten als Abitur und Studium. Das ist eigentlich ein Gedanke, den ich gar nicht haben möchte. Aber wenn man immer wieder Absagen bekommt und gleichzeitig kaum nachvollziehen kann, woran es liegt, entsteht dieser Frust irgendwann.
Was ärgert dich an der ganzen Sache besonders?
Mich ärgert eigentlich die Kombination aus mehreren Dingen. Ich habe mein duales Studium im Tourismusmanagement mit Schwerpunkt Hotelmanagement mit einer sehr guten Note abgeschlossen und während dieser Zeit durchgehend praktische Erfahrung gesammelt. Dazu kommen ungefähr zehn Jahre Berufserfahrung aus unterschiedlichen Tätigkeiten vor, während und nach meinem Studium. Ich bin ganz explizit nicht mit der Erwartung aus dem Studium gegangen, direkt eine Senior-Position zu bekommen. Mir ist vollkommen bewusst, dass ich noch sehr viel lernen kann. Aber ich bin eben auch nicht komplett am Anfang.
Ist die Absagekultur aus deiner Sicht ein Mentalitätsproblem bei den Unternehmen – oder kann da auch das Ausbldungssystem konkret nachbessern?
Ich glaube, dass man das pauschal weder den Unternehmen noch dem Ausbildungssystem zuschieben kann. Natürlich ist die wirtschaftliche Situation momentan ebenfalls ein Faktor. Gerade im Marketing ist der Arbeitsmarkt schwierig und Unternehmen überlegen sich wahrscheinlich genauer, wen sie einstellen. Trotzdem glaube ich, dass wir vermehrt darüber sprechen müssen, wie praktische Erfahrung bewertet wird. Ein duales Studium soll genau die Verbindung zwischen Theorie und Praxis schaffen. Aber nicht jeder dual Studierende bleibt automatisch beim Praxispartner. Vielleicht gibt es dort keine passende Stelle, vielleicht wird man nicht übernommen oder vielleicht möchte man selbst nach dem Studium etwas anderes machen oder woanders neu starten.
Aber genau für diesen Fall sollte es ja erst recht machbar sein, auch ohne eine Lawine an Absagen an einen neuen Job zu kommen.
Grundsätzlich sollte der Berufseinstieg nach einem dualen Studium meiner Meinung nach auch außerhalb des Praxispartners stärker mitgedacht werden. Und auch die Unternehmen könnten vielleicht etwas stärker darauf schauen, was jemand bereits mitbringt und welches Potenzial vorhanden ist – und nicht ausschließlich darauf, welche Punkte im Lebenslauf noch fehlen. Die meisten Absolvent*innen sind gespannt darauf, aus ihrem Ausbildungsumfeld herauszukommen, Neues kennenzulernen und auf einer Junior-Position zu starten. Wir möchten ja ganz bewusst bisheriges Wissen und Erfahrungen einbringen, und uns gleichzeitig weiterentwickeln.
Eigentlich auch genau das Ziel einer Junior-Position, oder?
Genau, und gleichzeitig ein Win-win für beide Seiten! Das Unternehmen bekommt jemanden, der bereits erste Erfahrungen und Wissen mitbringt. Gleichzeitig bekommt die Person die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und mit der Zeit immer selbstständiger zu werden. Manchmal habe ich allerdings das Gefühl, dass bei Junior-Positionen inzwischen jemand gesucht wird, der die Stelle eigentlich schon vollständig ausfüllen kann. Dann werden beispielsweise fünf Jahre Berufserfahrung vorausgesetzt, obwohl jemand mit drei oder dreieinhalb Jahren vielleicht genauso gut geeignet ist.
Das kommt ja auch immer auf den individuellen Fall an!
Eben! Und ehrlich gesagt finde ich, dass die reine Anzahl der Berufsjahre gar nicht unbedingt aussagt, wie viel jemand tatsächlich kann. Jemand kann sehr viele Jahre Erfahrung haben und trotzdem weniger lernbereit oder motiviert sein als jemand, der erst einige Jahre im Beruf ist. Deshalb würde ich mir wünschen, dass gerade jungen Berufseinsteiger*innen grundsätzlich mehr zugetraut wird.
Was kann da auch konkret das Recruiting besser machen?
Vor allem mehr Transparenz und vielleicht wieder etwas mehr den Blick auf den Menschen hinter dem Lebenslauf. Natürlich müssen Unternehmen Anforderungen an eine Stelle definieren. Und ich finde es auch vollkommen legitim, bestimmte Skills oder Erfahrungen vorauszusetzen. Ich bewerbe mich schließlich auch nicht wahllos auf Stellen, bei denen ich die grundlegenden Anforderungen überhaupt nicht erfülle. Ich lese mir die Aufgaben und Anforderungen sehr genau durch und passe auch meinen Lebenslauf entsprechend an. Trotzdem enden viele Bewerbungen direkt in einer standardisierten Absage ohne Gespräch, obwohl die fachlichen Anforderungen grundsätzlich passen. Dann frage ich mich natürlich: Nach welchen Kriterien wird eigentlich ausgesiebt?
Welche Erklärung gibst du dir denn auf die Frage?
Das könnten die verschiedensten Dinge sein… Bestimmte Keywords im Lebenslauf, vielleicht sogar eine automatisierte Vorselektierung mithilfe von KI, fehlende Berufserfahrung oder einfach der Umstand, dass doch eine andere Person einfach perfekt auf die Stelle gepasst hat… Ich weiß natürlich nicht, wie die einzelnen Unternehmen ihre Bewerbungen tatsächlich auswählen. Genau deshalb würde mich diese Perspektive aus Recruiter-Sicht auch sehr interessieren. Auch weil ich mich oft frage, ob es vielleicht sogar an einer vorgefertigten Meinung über den Studiengang liegt.
Wie kommst du darauf?
Beim Thema Tourismusmanagement habe ich manchmal das Gefühl, dass schnell die Vorstellung entsteht, dass die Person wahrscheinlich am besten in einem Hotel, Restaurant oder Tourismusverband aufgehoben ist. Im Kern haben wir aber einen betriebswirtschaftlich und managementorientierten Studiengang absolviert, der sehr vielseitig aufgebaut ist. Natürlich gibt es touristische Schwerpunkte, aber man beschäftigt sich genauso mit Themen wie Marketing, Unternehmensführung, Controlling, Personal oder strategischem Management. Nur wegen der Studiengangsbezeichnung für Stellen aussortiert zu werden, für die man eigentlich top qualifiziert ist, wäre ärgerlich.
Wie sahen die Rückmeldungen auf deinen Post aus?
Ziemlich interessant, vor allem weil ich gemerkt habe, dass ich mit diesen Gedanken nicht allein bin. Ich wollte mit dem Post auch bewusst die Erfahrungen anderer dualer Student*innen und Absolvent*innen einholen, denn obwohl ich weiß, dass viele aus meinem Studium einen Berufseinstieg gefunden haben, kenne ich natürlich nicht jede einzelne Geschichte. Gerade weil ich mir persönlich gerade etwas vorkomme, als wäre ich ein Stück weit auf der Strecke geblieben, wollte ich herausfinden ob das wirklich meine individuelle Situation ist oder ob es anderen genauso geht.
Und was ist dabei herausgekommen?
Ein offener Austausch von Menschen, die ganz ähnliche Probleme haben oder hatten und anderen, die Mut machen und mit ihren Worten zum Dranbleiben bewegen. Und die Erkenntnis, dass es eigentlich um eine viel größere Frage geht, nämlich wie wir einen fairen Übergang zwischen Studium und Berufsleben schaffen. Denn was nicht sein darf ist, dass Menschen, die mehrere Jahre studiert und gleichzeitig praktische Erfahrungen gesammelt haben, nach ihrem Abschluss nicht das Gefühl bekommen, wieder komplett bei null anfangen zu müssen. Ich glaube, genau darüber lohnt es sich zu sprechen.



