„Führung lernt man am besten in der Praxis“
Anna Wieting lebt den Traum vieler junger Expis und ist als Leiterin eines Oldenburger Reisebüros ihre eigene Chefin. Zu ihrem Alltag gehört neben der Beratung vor Ort auch die Kommunikation mit Kund*innen in den Sozialen Medien, Auftritte bei Networking-Treffen, zuletzt war sie in Kooperation mit Iberostar sogar auf Fuerteventura für die Dreharbeiten einer Image-Kampagne unterwegs.

Wer als junger Mensch ein Unternehmen gründet, kommt ohne Idealismus und Optimismus nicht weit – vor allem wenn die Gründungszeit auch noch in eine globale Krisenlage fällt. Eine, die genau diese Situation mitgemacht und sich dabei nicht nur viel Resilienz antrainiert, sondern auch umso mutigere Entscheidungen getroffen und Experimente gewagt hat, ist Anna Wieting. Die heute xx-Jährige hat gemeinsam mit ihren Schwestern 2019 die Reiselounge Oldenburg gegründet und beweist seither, dass Reisebüros sehr wohl ein junges Publikum ansprechen können.
Im Interview mit TRVL COUNTER-Mitarbeiterin Sandra Kathe spricht sie über die Herausforderungen und Learnings hinter Krisensituationen und warum der Reisevertrieb sehr wohl ein Produkt für Gen Z und Co. ist.
Anna, du bist seit sieben Jahren deine eigene Chefin. Ich frage dich jetzt mal als deine eigene Mitarbeiterin: Wie schlägst du dich in der Führungsrolle?
Oh, das ist eine sehr spannende Frage! Da gibt es sicherlich unterschiedliche Meinungen innerhalb des Teams, da meine beiden jüngeren Schwestern ja auch sieben Jahre mit mir zusammengearbeitet haben. Aber Spaß beiseite: Ich musste sehr viel lernen und lerne auch nach wie vor ständig dazu. Da ich mich mit 26 Jahren selbstständig gemacht habe, hatte ich im Bereich Führung ja auch keinerlei Erfahrung.
Wie lernt man das denn?
Ganz ehrlich? Am allerbesten in der Praxis! Nur durch die Erfahrungen, die man sammelt, kann man besser werden, lernen, sich selbst zu reflektieren und den eigenen Führungsstil zu optimieren. Hier spielt Feedback eine große Rolle – mir ist es sehr wichtig, dass sich alle in der Reiselounge wohlfühlen. Wir verbringen unheimlich viel Zeit zusammen, deswegen ist es mein Ziel, die so schön und angenehm wie möglich zu gestalten.
Im Rückblick: Wie sehr hat es dich und dein Team geprägt, direkt nach der Gründung eine Krise vom Format der Pandemie meistern zu müssen?
Das war eine unfassbar schwere und prägende Zeit! So etwas hätten wir uns niemals vorstellen können. Im ersten Jahr haben wir sieben Tage die Woche durchgearbeitet. Die Selbstständigkeit in so jungen Jahren war schon eine Herausforderung, ein Familienunternehmen zu führen eine weitere – und dann plötzlich aufgrund der Pandemie vor einem riesigen Scherbenhaufen zu stehen, hat noch einmal alles verändert.
Welche Rolle hat dabei gespielt, dass ihr ein Familienunternehmen seid?
Rückblickend kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich diese Zeit ohne meine beiden Schwestern nicht überstanden hätte – sowohl mental als auch wirtschaftlich. Sie waren eine riesige Stütze und haben alles in ihrer Macht Stehende getan, um mich bestmöglich zu unterstützen. Diese Zeit hat uns noch enger zusammengeschweißt. Dafür werde ich immer dankbar sein!
Wie hat diese Erfahrung dich selbst verändert?
Ich kann voller Überzeugung sagen, dass mich seit der Pandemie beruflich wirklich nichts mehr aus der Ruhe bringt. Egal, was passiert – ich habe immer im Hinterkopf, dass es „viel schlimmer“ sein könnte und es sicherlich einen Ausweg oder eine Lösung für jedes Problem gibt. Hinzu kommt das Wissen, dass man mit seinen Problemen nicht allein dasteht und dass Zusammenhalt eine große Rolle spielt.
Wir haben uns zuletzt beim Macherinnen-Treffen in Frankfurt live getroffen, wo du unter anderem darüber gesprochen hast, dass eure Zielgruppe deutlich jünger ist als bei vielen anderen Agenturen. Hast du eine Erklärung dafür, warum ihr ausgerechnet junge Leute so ansprecht?
Ich habe mir das bei meiner Gründung im Rahmen meines Konzepts fest vorgenommen und dieser Plan ist erfreulicherweise super aufgegangen! Zum einen nutze ich seit Tag 1 täglich Instagram und die sozialen Netzwerke, zum anderen sind wir ein sehr junges Team. Die Zielgruppe fühlt sich dadurch automatisch angesprochen, da wir aufgrund unseres ähnlichen Alters auch einfach einen ähnlichen Reisegeschmack haben. Die Reisen, die wir selbst machen, teilen wir über Instagram mit unseren Follower*innen und erleben dadurch eine hohe Nachfrage. Auch der Boho-Stil unseres Büros mit der stylischen, individuell angefertigten Bar spricht eine jüngere Zielgruppe an, und wir bekommen immer wieder tolle Rückmeldungen.
Wenn man sich mit branchenfremden Menschen unter 40 unterhält, bekommt man häufig erstaunte Reaktionen, dass sich Reisebüros in Zeiten von KI und Co. überhaupt noch halten.
Das bekomme ich auch oft mit. KI wird in der Reisebranche generell und auch bei uns immer häufiger genutzt und bietet besonders im Bereich Inspiration, Angebotserstellung und Reiseplanung tolle Möglichkeiten sowie Arbeitserleichterungen. Bei einer individuellen Bedarfsermittlung und Buchung sowie persönlichen Empfehlungen für Kundinnen und Kunden ist es jedoch nach wie vor von großem Vorteil, den Service eines Reisebüros in Anspruch zu nehmen.
Was könnt ihr als Reisebüro besser als die unendlichen Informationsquellen im Internet?
Im Gegensatz zur KI verfügen wir über eigene Erfahrungen und Intuition, reagieren auf emotionale Faktoren, unterstützen bei Problemen und Ausnahmesituationen jeglicher Art, verfügen über nützliche Kontakte innerhalb der Branche – etwa wenn es um Upgrades oder Sonderleistungen geht – und, ganz wichtig: Wir übernehmen Verantwortung! Das heißt ganz konkret: Wir nutzen KI als hilfreiches Tool, das einige Arbeitsschritte und Prozesse vereinfacht und Zeit spart. Unsere Kundenbetreuung ist und bleibt aber unsere Herzensangelegenheit. Und die nehmen wir selbst in die Hand.
Du gehst mit eurer Gründungsgeschichte sehr offen um und stehst immer wieder bei Veranstaltungen und in den Fachmedien im Fokus. Wie oft passiert es dir inzwischen, dass dich junge Menschen als Vorbild sehen und ansprechen, die überlegen, zu gründen oder ihr Ausbildungsbüro zu übernehmen, weil Chef oder Chefin langsam an die Rente denkt?
Ehrlich gesagt kommt es schon relativ häufig vor, dass ich auf Events oder Branchentreffen angesprochen werde – allerdings in den meisten Fällen aufgrund unserer Gründungsgeschichte zusammen mit meinen Schwestern. Was jüngere Menschen und Nachwuchskräfte in der Branche angeht, fehlt es meiner Meinung nach jedoch oft an Interesse oder Mut, ein Büro zu übernehmen. Leider bekomme ich nur sehr wenige Nachrichten zum Thema Gründung oder Übernahme von Bestandsbüros.
Wenn es doch mal dazu kommt: Was rätst du den Kolleg*innen?
Generell rate ich ihnen immer, den Schritt zu gehen und sich zu trauen – wenn sie wirklich dafür brennen! Ich bin davon überzeugt, dass das, was man mit Herzblut und Engagement macht, in den allermeisten Fällen nur gut werden kann. Dass nicht alles perfekt läuft, ist ganz normal – auch Rückschläge gehören dazu. Aber die Freiheit, die eigenen Ideen und Vorstellungen umsetzen zu können und sich täglich neuen, spannenden Herausforderungen stellen zu dürfen, macht einfach unglaublich viel Spaß und sorgt für einen sehr abwechslungsreichen Alltag, den wir alle in der Branche ja nur zu gut kennen.


