Branchenevent

Gender Equality Lab: Wie die Touristik faire Karrierechancen ermöglichen will

06. Oktober 2026Branchenevent · Geschlechtergerechtigkeit

Frauen in Führungspositionen, finanzielle Unabhängigkeit und unbewusste Vorurteile: Beim ersten Gender Equality Lab der Tourismusbranche ging es um Fragen, die richtungsweisend sind für die Zukunft der Branche. Rund 40 Teilnehmende diskutierten beim Workshop in Berlin, wie es nicht nur bei guten Vorsätzen bleibt.

Beim ersten Gender Equality Lab wurde viel darüber diskutiert, was die Branche besser machen kann. Foto: DRV

In Reisebüros und Unternehmen, Agenturen und Hospitality-Betrieben ist die Touristik fast überall auf der Welt von Frauen geprägt. Frauen, die fürs Gelingen der täglichen Abläufe sorgen, Frauen, die Ideen einbringen, Frauen, die am Counter oder als Gästeführerinnen, Menschen mit der Begeisterung für Destinationen und Marken anstecken. Dafür, dass Frauen in der Touristik auch zukünftig häufiger den Ton angeben setzt sich nun das neue Gender Equality Lab ein.

Die Pilotveranstaltung des eintägigen Workshops fand bei Chamäleon Reisen statt und bot Raum für persönliche Erfahrungen, offene Diskussionen und konkrete Handlungsideen. Im Publikum und als Speaker*innen dabei: Führungskräfte und Beschäftigte mit Jahrzehnten Touristik-Erfahrung. Dazu, Organisator*innen aus dem Projekt „LEAD³ – Learn. Empower. Advance. Develop.“ der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE), des Deutschen Reiseverbands (DRV) und des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW).

Geschlechtergerechtigkeit ist „kein reines Frauenthema“

Dessen Generalsekretär Sven Liebert machte gleich zum Auftakt deutlich, dass faire Karrierechancen die gesamte Branche betreffen und das Thema künftig eine wichtigere Rolle bei Branchenevents spielen solle, denn: „Die Tourismusbranche lebt von Vielfalt, Offenheit und den Menschen, die sie gestalten. Umso wichtiger ist es, dass Frauen und Männer die gleichen Chancen haben, Verantwortung zu übernehmen, Karriere zu machen und ihre Potenziale einzubringen“.

Dazu betonte DRV-Hauptgeschäftsführer Achim Wehrmann, dass Geschlechtergerechtigkeit kein reines Frauenthema, sondern Chancengleichheit nur dann gelingen kann, wenn auch Männer sich bei der Thematik einbringen. Das beträfe vor allem Führungskräfte, die Verantwortung für Personal, Unternehmenskultur und Entwicklungsmöglichkeiten tragen. Doch auch für junge Beschäftigte ist das Thema besonders relevant: Wer am Anfang der Karriere steht, erlebt Unternehmenskultur, Arbeitszeitmodelle und Vorbilder nicht als abstrakte Managementthemen, sondern als Faktoren, die den eigenen Berufsweg prägen können.

Frauen in Führungspositionen: Zahlen zeigen eine Lücke

Wie groß der Handlungsbedarf ist, demonstrierte etwa ein Fakten-Check von Anne Rösener von PEOPLE MIND deutlich. Frauen besetzen in Deutschland demnach 29,1 Prozent der Führungspositionen. Damit liegt Deutschland unter dem EU-Durchschnitt von 35,2 Prozent. Auch weltweit ist Geschlechterparität noch nicht erreicht.

Ein weiterer Schwerpunkt war das Thema finanzielle Unabhängigkeit. Claudia Müller vom Female Finance Forum sprach über den Zusammenhang zwischen beruflicher Entwicklung, Einkommen und langfristiger Absicherung. Besonders deutlich zeigt sich die Lücke bei den eigenen Alterseinkünften: Frauen in Deutschland verfügen im Durchschnitt über 36 Prozent weniger eigene Alterseinkünfte als Männer.

Für Berufseinsteigerinnen bedeutet das auch: Gehalt, Arbeitszeit und Entwicklungsmöglichkeiten sind nicht nur Fragen für den nächsten Monat. Sie können sich langfristig auf finanzielle Sicherheit und die eigene Unabhängigkeit auswirken.

Von der Diskussion zur Handlung

Am Nachmittag ging es deshalb nicht nur um Zahlen, sondern um konkrete Situationen aus dem Arbeitsalltag. In einer Fallstudien-Werkstatt diskutierten die Teilnehmenden in Kleingruppen über Benachteiligung und Diskriminierung und entwickelten mögliche Handlungsschritte.

Dabei standen Fragen im Mittelpunkt, die von der Berufsanfängerin bis zur erfahrenen Expedientin jeden betreffen: Wie verschaffe ich mir in einer schwierigen Situation Gehör? Wie lassen sich bestehende Strukturen hinterfragen? Und welche Verantwortung tragen Kolleg:innen, Führungskräfte und Unternehmen, wenn jemand benachteiligt wird?

Vorbilder und flexible Arbeitsmodelle

Die Gespräche wurden bis zum Ende der Veranstaltung und darüber hinaus fortgesetzt. Für Prof. Dr. Claudia Brözel, Projektleiterin von LEAD³ und Professorin für Tourismusökonomie an der HNEE, gehören Macht und Geld eng zusammen: „Macht, um Entscheidungen mitzugestalten, und Geld, um unabhängig zu bleiben.“ Unternehmen trügen die Verantwortung dafür, faire Strukturen und faire Bezahlung zu schaffen.

Dazu gab es auch viele praktische Ideen der Teilnehmenden: flexible Arbeitszeitmodelle, die Führung auch in Teilzeit ermöglichen, ein stärkerer Fokus auf Vorbilder und ein offenerer Austausch auch zu unangenehmen Themen. Gleichzeitig gelte es, Macht nicht nur als Hierarchie zu verstehen, "sondern auch als Möglichkeit, andere zu befähigen".

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