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„Wer heute am Counter sitzt, ist nicht erst irgendwann relevant“

02. Oktober 2026News · Über YNG

Was beschäftigt junge Menschen wirklich, wenn sie heute in die Touristik starten? Felix Hormel, neuer stellvertretender Chefredakteur von TRVL COUNTER, will bei YNG nicht vorgeben, die Antworten bereits zu kennen. Im Interview erklärt er, warum Zuhören für ihn zum journalistischen Konzept gehört und weshalb die Community selbst Themen setzen soll.

Felix Hormel ist neuer stellvertretender Chefredakteur von TRVL COUNTER.

Zum Start des neuen Monats hat TRVL COUNTER mit Susanne Layh nicht nur eine neue Kollegin im Team Redaktion bekommen, sondern auch einen neuen stellvertretenden Chefredakteur. Felix Hormel ist seit knapp über einem Jahr Teil der Redaktion des Branchenmediums. In die Touristik kam der heute 34-Jährige allerdings schon vor einigen Jahren, Ende 2018.

In dieser Zeit hat er eine Branche kennengelernt, die sich bei aller Resilienz gegenüber immer neuen Krisen stark verändert hat. Und das bekommen vor allem diejenigen zu spüren, die aktuell noch am Anfang ihrer Karriere stehen. Gerade ihnen müsse man aufmerksam zuhören, statt ihnen nur pauschal zu erklären „wie der Hase läuft“. Die Formulierung „Fachkräfte von morgen“ geht für ihn ein Stück weit an der Realität vorbei.


Felix, Du wirst stellvertretender Chefredakteur von TRVL COUNTER. Was ändert sich dadurch konkret in Deinem Arbeitsalltag – und worauf freust Du Dich am meisten?

Mein Blick wird idealerweise etwas breiter. Es geht künftig noch stärker darum, nicht nur die Nachrichten des Tages zu sehen, sondern auch zu überlegen, welche Themen und Debatten wir als Redaktion langfristig anstoßen wollen und welche Formate wir dafür in Zukunft brauchen. Ich freue mich darauf, gemeinsam mit dem Team journalistisch weiterzudenken, ohne die Nähe zum Tagesgeschäft zu verlieren. Im Kern bleibt aber alles gleich: Menschen treffen, Fragen stellen, Dinge verstehen und daraus gute Geschichten machen.


Bei Deinem eigenen Start als Journalist in der Branche warst Du 27 – also selbst mittendrin in der Zielgruppe von YNG. Was hat sich für junge Menschen in der Touristik seither geändert?

Vor allem die Erwartungen haben sich verschoben – und zwar auf beiden Seiten. Unternehmen suchen dringend Nachwuchs und Fachkräfte. Gleichzeitig fragen junge Menschen viel selbstverständlicher, was ihnen ein Arbeitgeber eigentlich bietet: Wie werde ich geführt? Welche Entwicklungsmöglichkeiten habe ich? Und die große Frage, die man nicht weglächeln darf: Welchen Sinn sehe ich in meinem Job?

Hinzu kommt die enorme Geschwindigkeit, mit der die Arbeitswelt derzeit technologisiert wird. Als ich angefangen habe, war KI – damit meine ich Large Language Models – weder im redaktionellen noch im touristischen Alltag Thema. Heute steigen junge Menschen in eine Branche ein, in der sich Berufsbilder teilweise noch während der Ausbildung verändern. Das schafft Chancen, aber auch Unsicherheit. Umso wichtiger finde ich, ihnen nicht von oben herab zu erklären, wie der Hase läuft, sondern zuzuhören, wie sie diese Veränderungen erleben.


Wir sprechen in der Branchenberichterstattung gerne vom „Nachwuchs“ oder von „Fachkräften von morgen“. Welche Themen betreffen junge Reiseprofis aber schon heute – und bekommen bisher zu wenig Raum?

Ich stoße mich an der Wendung „Fachkräfte von morgen“ ein bisschen – sie überspringt die Gegenwart. Wer heute am Counter sitzt, ist nicht erst irgendwann relevant. Eine Auszubildende berät heute Kunden. Ein junger Expedient verkauft heute Reisen. Sie erleben heute Personalmangel, neue Technologien, Verkaufsdruck oder gute und schlechte Führung.

Deshalb gehören für mich auch Themen wie Gehalt, Arbeitsbedingungen, Verantwortung, Überforderung, Zweifel oder generell mentale Gesundheit stärker auf die Agenda. Und auch die Frage, warum jemand in der Touristik bleibt – oder warum jemand darüber nachdenkt, sie wieder zu verlassen. Das sind keine Nachwuchsthemen, das sind Branchenthemen.


Um den Austausch voranzutreiben, plant ihr gerade mit YNG auch neue Veranstaltungsformate. Welche Rolle spielt die Community in der Branche?

Unser Claim lautet: Menschen machen Reisen. Darin ist bereits der Community-Gedanke enthalten. Gerade am Anfang einer beruflichen Biografie ist ein Netzwerk enorm wichtig, weil es auf den ersten Metern mehr denn je einen Safe Space braucht. Es hilft, zu sehen, dass andere ähnliche Fragen haben, Erfahrungen auszutauschen und Menschen kennenzulernen, die vielleicht zwei oder drei Schritte weiter sind.

Ich bin überzeugt: Persönliche Begegnungen leisten etwas, das ein Artikel oder ein Instagram-Post nicht kann. Es entsteht Nahbarkeit und daraus Vertrauen und daraus der Mut zur Offenheit. Für YNG und TRVL COUNTER ist Community deshalb nicht bloß eine Zielgruppe, sondern auch eine wichtige Quelle für relevante Inhalte. Wir wollen wissen, worüber die Menschen in der Branche tatsächlich sprechen. Nicht nur, was sie auf Podien oder Roadshows sagen oder hören.


Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, dass man sich als junger Mensch zutraut, mehr Verantwortung zu übernehmen?

Ich glaube zunächst, dass man das aufrichtige Gefühl haben muss, Fehler machen zu dürfen. Wer nie Fehler macht, weiß auch nicht, ob er etwas richtig gemacht hat. Mir selbst haben auf meinem Weg immer wieder Menschen geholfen, die mir etwas zugetraut und mir die nötige Mündigkeit für den nächsten Schritt zugesprochen haben, teilweise bevor ich sie selbst bei mir gesehen habe. Diese Erfahrung prägt auch mein Verständnis von guter Führung.

Was ich gerne früher gewusst hätte: Ein Berufsweg verläuft heute nicht mehr geradlinig, so wie das vielleicht bei unseren Eltern noch der Fall war. Nach dem Abitur wusste ich eigentlich nur, dass ich zur Zeitung wollte. Wo genau mich das einmal hinführt, hätte ich damals nicht sagen können. Heute ist die Karriere nicht mehr die sprichwörtliche Leiter, sondern ein wilder Fluss, der sich seinen Weg bahnt, die Richtung wechselt, Nebenarme nimmt und irgendwann an einem Ort mündet, von dem man an der Quelle noch gar nicht wusste, dass man dort einmal hin möchte.

Umso wichtiger sind Menschen, die einem unterwegs Verantwortung zutrauen, Orientierung geben und gleichzeitig den Raum lassen, den eigenen Weg zu finden. Man muss nicht mit 20 schon wissen, wo man mit 35 stehen will. Man braucht aber die Chance, unterwegs herauszufinden, was man kann – und wohin man sich entwickeln möchte.


Die Touristik diskutiert intensiv über Künstliche Intelligenz. Was interessiert Dich diesbezüglich besonders aus Sicht der jungen Generation?

Das Thema KI begleitet uns auch im eigenen Arbeitsalltag sehr konkret, und ich merke dabei immer wieder, wie schnell sich Routinen verändern. Gerade deshalb interessiert mich, wie junge Beschäftigte damit umgehen, die mitunter viel selbstverständlicher in diese neue Arbeitswelt hineinwachsen. Welche Tools nutzen sie? Wo hilft KI, wo nervt sie? Und wo überschätzt die Branche vielleicht gerade ihr Potenzial?

Ich glaube, wir können von jungen Beschäftigten sehr viel darüber lernen, wie Technologie tatsächlich angenommen wird – und nicht nur darüber, wie sie auf Konferenzen beschrieben wird.


Was macht YNG für Dich zu mehr als einer jüngeren Version von TRVL COUNTER?

YNG darf nicht einfach TRVL COUNTER mit jüngeren Gesichtern und kürzeren Texten sein. Es braucht einen eigenen, uniquen Blick auf die Branche. Die entscheidende Frage ist für mich: Welche Themen ergeben sich, wenn wir Touristik aus der Perspektive von Menschen betrachten, die gerade erst ihren Platz in dieser Branche finden? Dann verändern sich automatisch die Themen – und häufig auch die Formate.

YNG kann stärker beteiligen, hier können wir noch mehr „rumprobieren“. Vor allem aber sollte es ein Ort sein, an dem junge Reiseprofis nicht nur Gegenstand der Berichterstattung sind, sondern selbst Themen setzen und zu Wort kommen.

Mich reizt daran vor allem, näher an diese Perspektiven heranzukommen und auch selbst immer wieder die eigene Sicht zu hinterfragen. Ich möchte nicht vorgeben, die Weisheit gelöffelt zu haben und alles schon zu wissen. Es gibt sehr viel, das ich nicht weiß. YNG sollte ein Ort des Wachstums sein, an dem wir zuhören, Dinge antesten und Themen gemeinsam mit der Community entwickeln. Wenn uns das gelingt, ist YNG nicht nur die kleine Tochter von TRVL COUNTER, sondern eine eigene journalistische Stimme.

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